Sabine von den Steinen entdeckt mit experimenteller Makrofotografie den Raum im Edelstein.

Mit dem Auge der Kontemplation taucht sie ein in die kristallinen Körper der Mineralien, löst sie auf und macht tageslichtdurchflutete, naturbelassene Momentaufnahmen sichtbar.

Der Zyklus c r o s s i n g  g r a c e ist die unmittelbare Darstellung lebendiger Wirklichkeiten. Eine Offenbarung von Mikrokosmen, die von der Entstehungsgeschichte und der unermesslichen Fülle unserer Welt erzählen.

WIE OBEN SO UNTEN ?

Kunsthistorischer Text zur Ausstellung - von Gabriele Busse

Kennen Sie das Gefühl gerade nicht zu wissen, wo oben und wo unten ist? Keimt in Ihnen der Wunsch, einmal das Unterste nach Oben zu kehren? Dann sind Sie – und das liegt an der wahrhaft metaphysischen Ausdruckskraft seiner Malerei – mitten in dem immateriellen Konzept von Abstraktion einer großen Künstlerpersönlichkeit wie Gerhard Richter und nur einen Schritt entfernt von der eigenständigen Position der in Malerei wie Fotografie beheimateten Kunst von Sabine von den Steinen. Ihre neusten Fotoarbeiten laden den Betrachter ein, abzutauchen in die Tiefen freier, assoziativer Wahrnehmung, die uns animiert, im Sinne von Ken Wilber, für neue Horizonte offen zu sein und sich über sich selbst hinausführen zu lassen. Der Theoretiker für transmediale Psychologie schreibt in seinem Buch über Das Wahre, Schöne, Gute: „Wenn Wesen, Sinn und Wert der Kunst nicht einfach auf ihrer Fähigkeit zur Nachahmung beruhen, dann vielleicht auf ihrer Fähigkeit, etwas auszudrücken.“ Und weiter: „Kunst ergreift uns gegen unseren Willen (...) Man wird auf eine stille Lichtung geleitet (...) Und in dieser Öffnung oder Lichtung des eigenen Gewahrens können höhere Wahrheiten aufleuchten, subtilere Offenbarungen, tiefere Zusammenhänge.“

Man möchte meinen, Ken Wilber habe die Makrofotografie der Künstlerin Sabine von den Steinen vor sich gehabt, so sehr decken sich Teile seiner integralen Theorie der Kunst mit dem schlichten, fast ehrfurchtsvollen Augenblick der Begegnung, die dem neuen Projekt der Künstlerin inne wohnt. Der Farb- und Lichtraum im Edelstein, den sie versteht fototechnisch für den Betrachter zu öffnen, steht auf geheimnisvolle Weise den abstrakten Gemälden von Gerhard Richter nahe, dessen mit Pinsel, Spachtel und Rakel aufgetragene Farbüberlagerungen das Ergebnis „geplanter Spontaneität“ ist, die auch in den Bildern der Sabine von den Steinen etwas entstehen lässt, das jede gefasste Erwartung übersteigt.

In der Fotografie-Ausstellung „Crossing Grace One“ von Sabine von den Steinen, die zu besprechen ich hier die Ehre habe, inspiriert die Schönheit der Natur in Gestalt eines grünen Berylls die Künstlerin zu ihrem neuen und experimentellen Kunstprojekt. Die Künstlerin bedient sich als Medium der Makrofotografie und deckt im Stein eine Natur gegebene Fähigkeit zur Transzendenz auf, die anmutiger und ergreifender nicht sein könnte. Ihre „Variationen in grün“ entführen den Betrachter in die Entstehungsgeschichte unserer Welt. Diese zur Anschauung zu bringen, ist der Künstlerin Anliegen. Hier wird sie zur Alchemistin, die sich in zehntel Millimeter Schritten mit der Kamera in die Tiefe der Materie wagt. Jede Betätigung des Auslösers wiederholt sich wie eine Formel, die als Momentaufnahme Bilder hervorbringt, die ihren Betrachter unerwartet in den Bann ziehen. Wem es gelingt sich zu vertiefen, erlebt den monochromen Farbrausch als Mannigfaltigkeit abstrakter Landschaften und eine Reise in die innere Bestimmung. Diese faszinierende Lichtmalerei der Künstlerin entsteht durch pures Tageslicht, das je nach Lichteinfall ein differentes Farbspektrum offenbart. Mit der Kamera dringt Sabine von den Steinen in jede Sphäre des Steins ein und fixiert dieses Farbspiel in ihrer Fotografie.

Herrschen im makrokosmischen wie im mikrokosmischen Bereich auf allen Ebenen der Erscheinungsformen die gleichen Gesetze? Existiert wie oben so ein unten, als kosmisches Gesetz? Sabine von den Steinen geht mit „Crossing Grace“ dieser pantheistischen Sinnfrage nach, wandert auf den Spuren der Denkanschauung Goethes und seinem Begriff des „Heilig- öffentlichen Geheimnisses“ in der Begegnung mit der Natur. Sie begann das Faszinosum des Göttlichen in allen Dingen bereits vor 25 Jahren zu erforschen, zunächst als Goldschmiedin, die der Schönheit und Anmut von Edelsteinen verfiel, heute als Künstlerin, deren metaphysische Experimentierfreude sich an der Poesie des grünen Berylls entfacht. Denn tiefer in seine Materie einzudringen, sagt sie, wäre die imaginäre Grenze, die es zu überschreiten gelte, von der Schmuckdesignerin auch zur Künstlerin.

„Crossing Grace“ ist die Begegnung von Materie und Geist, von Natur und Kunst, von Schönheit und Wahrnehmung. Mit „Crossing Grace“ führt Sabine von den Steinen die Suche vieler Künstler-Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts nach dem „Heiligen Gral“ der Kunst in der Jetztzeit fort. Deren Streben, das Göttliche in den Dingen zu erkennen und über die Kunst als Medium zur Offenbarung des Betrachters zu machen, fühlt auch Sabine von den Steinen sich bis auf den heutigen Tag verpflichtet.

Crossing Grace ist der Beginn einer großen, gleichnamigen Ausstellungsreihe, die mit ihrer ersten Eröffnung Vorfreude macht auf weitere Bilder dieser Werkserie, die im nächsten Jahr zur Schau kommen und ihre Betrachter mit der stillen Erlebniswelt aus Licht und Farbe erfüllen wird.